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Die Gasmaske

Annett Gröschner

Liebe Widad,

ich habe Dir ein Bild mitgebracht. Ich bin sechzehn oder siebzehn und habe an der Erweiterten Oberschule einen zweiwöchigen Lehrgang für Zivilverteidigung. Wir sind nur Mädchen, die Jungs sind in einem sogenannten Wehrlager außerhalb der Stadt, wo sie in Uniformen gesteckt werden und mit Kalaschnikows schießen müssen. Wir werfen nur mit Handgranaten, aber wir werfen mit Absicht so kurz, dass die Ausbilder uns bescheinigen, von der eigenen Waffe getötet zu werden. Das gibt Punktabzug. Neben Erste-Hilfe-Kursen lernen wir auch, wie wir uns gegen ABC-Waffen verteidigen. Wir müssen mit Gasmaske und Schutzmantel den Schulflur entlangrobben. Wenige Monate später, im März 1982, wird in der DDR ein neues Wehrdienstgesetz verabschiedet, das darauf abzielt, die Vorbereitung zum Wehrdienst noch stärker in der Bildung und Erziehung zu verankern, und im Falle der Mobilmachung die Armee dazu berechtigt, auch Frauen für den Kriegsdienst heranzuziehen. Dagegen protestieren die Frauen für den Frieden in mehreren Städten, einige werden verhaftet.

Auf dem Foto bin ich die Person in der Mitte, das sehe ich nur an der Körpergröße. Links neben mir ist Kirsten K., von der ich Jahre später träumen werde, dass sie an der Uni hingerichtet wird, zur Abschreckung der anderen, ausgewählt durch Losverfahren.

Wir stehen vor der Schultafel. Der Tafeldienst hat schlecht gearbeitet, auf der Tafel sind „Wolken“ zu sehen, was die Lehrkräfte immer mehr oder weniger erbost. Die Tafel hat sauber zu sein. Mit dem Schwamm wird Bahn für Bahn gewischt, nach jeder Bahn hat der Schwamm ausgespült und ausgewrungen zu werden. Hier ist das Gebot missachtet worden. Wir dagegen haben das strenge Verbot zu fotografieren missachtet.

Ich erinnere mich an den Geruch der Gasmaske – Angst und Schweiß. So stelle ich mir Krieg vor.

Ich darf für Stunden den Zivilverteidigungskurs verlassen, was eigentlich nicht erlaubt ist. Selbst schlimme Zahnschmerzen dürfen erst nach dem Unterricht behandelt werden. Ich dagegen muss im Krankenhaus Altstadt meine unfreiwilligen Stunden bei einer Psychiaterin wahrnehmen. Die Stunden dort sind die Auflage, unter der ich an der Schule bleiben darf. Denn ich habe Gedichte geschrieben, die der Schulleitung missfallen haben. Weil sie traurig sind, unterstellt man mir, mich umbringen zu wollen. Seit dieser Unterstellung denke ich über Selbstmord nach. Sich-Umbringen ist unangenehm für eine Gesellschaft, die das Glück des Menschen offiziell auf ihre Fahnen geschrieben hat. Deshalb soll mir die Traurigkeit ausgetrieben werden. Nach der Behandlung schwänze ich den restlichen Unterricht des Tages. Drei Jahre später erreiche ich, dass mir die Psychiaterin im Krankhaus Herzberge in Ostberlin ein Attest schreibt, das mich vom Tragen der Gasmaske im Zivilverteidigungslager der Universität – einer Übung über sechs Wochen im Frühjahrssemester des zweiten Studienjahres – befreit. Bei einer nächtlichen Katastrophenübung müssen alle mit Gasmaske über ein Feld laufen, außer mir. Ich stehe am Rand des Feldes und sehe meine Kommilitonen vorbeirennen, schwer keuchend unter ihren Gasmasken und Schutzmänteln. Überall Gasnebel, den ich, die ich mir wie eine Verräterin vorkomme, einatme; in der Dunkelheit schemenhaft eine Armee von Zombies, die sich durch ein verseuchtes Land bewegen. Ein Alptraum, der zwei Jahre später in Tschernobyl Wirklichkeit wird.

Zur Antwort von Widad Nabi

Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg/DDR, lebt seit 1983 in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, Dozentin und Journalistin und Mitinitiatorin von Geruch der Diktatur.

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