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Geruch der Diktatur
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Das beiläufige Herunterrutschenlassen des Kopftuchs

Sara Ehsan

In Teheran © Maritta Iseler
© Maritta Iseler

Diktatur hat etwas mit deiner Kindheit zu tun und mit Angst.
Diktatur riecht nach Angstschweiß, nach Schweiß unter dem Kopftuch und unter dem Mantel, den du seit der Einschulung bei über vierzig Grad Celsius tragen musst. Sie fühlt sich an wie zerkratzte Fingernägel, denen du den Lack der letzten Wochenendfeier am Morgen vor Schulbeginn mit einem Zuckerwürfel abkratzen musstest, weil die Flasche Nagellackentferner leer war. Diktatur riecht nach langen Warteschlangen – für Milch, für Brot, für Öl, für Reis, für Lebensmittelkarten im Krieg –, jedes Warten separat und jedes manchmal stundenlang.

Diktatur ist ein berauschend-beängstigendes Hochzeitsfest mit Alkohol, Musik, Tänzen und der Angst, dass die Pasdaran[1]* gleich klingeln werden. Es ist das Auskosten jeglicher Gelegenheit zur Rebellion, sei es das Abnehmen des Kopftuchs im Wald und im Auto oder das beiläufige Herunterrutschenlassen des Stoffes von deinen Haaren. Du tust so, als wäre es dir nicht aufgefallen, genießt für einige Sekunden diese Freiheit, um dann vorzutäuschen, es gerade erst bemerkt zu haben, und das Kopftuch wieder auf die Stirn zu ziehen. Diktatur ist die Bewegung der Hand, um das Kopftuch in die vorschriftsmäßige Position zu ziehen, um die Haarsträhnen unter das Tuch zu schieben.

Diktatur sind die auf dich niederprasselnden Schläge der Lehrerin, die dich nach einem offenbar gewordenen Täuschungsversuch bei der Mathearbeit unter merkwürdigen Flüchen, von denen „du Dieb“ noch der harmloseste ist, zusammenboxt.

Diktatur riecht nach verbotenen Gurken, die du in die Schule für Mädchen nicht mitnehmen darfst, angeblich wegen ihres verführerischen Geruchs, aber eigentlich wegen ihres obszönen Aussehens.
Diktatur ist ein Ins-Meer-Springen im Badeanzug, der Tschador am Strand, der bereit liegt, falls das Boot der Pasdaran mit ihren Ferngläsern vorbeirauscht.

Diktatur ist immer das Ausnutzen von Sekunden, Minuten von Freiheit, du lebst intensiver, du schätzt den Moment.
Diktatur ist auch das Spazierengehen im Norden Teherans und das Aufhalten deines türkisch-armenischen Freundes aus Deutschland, der wie ein Iraner aussieht und deshalb die Aufmerksamkeit der Pasdaran auf sich zieht. Ein junges Mädchen und ein Junge nachmittags in den leeren Straßen …Diktatur ist Sich-Erklären für Dinge, die für den Rest der Welt selbstverständlich sind. Wer er denn sei? Ein Freund der Familie, er wohne bei euch, dein Vater kennt ihn. Der Pasdar will deine Papiere sehen. Du gibst ihm deinen iranischen Pass, er hält ihn falschrum, blättert darin herum und findet nicht deine Personalien. Offenbar ist er Analphabet. Du erklärst ihm, dass er ihn umdrehen und vorne suchen müsse. Währenddessen machst du dir vor Angst fast in die Hosen. Was, wenn sie euch mitnehmen, was, wenn sie euch verhaften, was, wenn sie euch nicht in Ruhe lassen, was, wenn …
Er fragt, wo du wohnst, du sagst ihm die Adresse deines Vaters. Er gibt dir deinen Pass zurück und fordert: Gib mir deine Telefonnummer! Du gibst ihm eine falsche Nummer und er lässt euch gehen.

Diktatur ist das Angezogen-ausgezogen-Werden in der Öffentlichkeit. Es ist das Beschämtwerden, das Erniedrigtwerden und Kleinbeigeben vor Autoritäten. Diese Männer mit Fünftagebart verfolgen dich in den Träumen. Immer hast du dein Kopftuch verloren oder keine Hose an, hast vergessen, deinen Mantel anzuziehen, oder bist halbnackt. Diese Angst, dass sie gleich kommen werden, dich bemerken und weiß Gott was mit dir anstellen.
Diktatur sind die Peitschenriemenspuren auf den Rücken deiner Cousins, die bei einer gemischten Geburtstagsfeier erwischt wurden. Diktatur, das sind Wunden, viele, viele Wunden und Lehren, viele, viele Lehren: sich vor keinerlei Autorität je wieder zu beugen. Das Ende des Bückling-Daseins, des Einschleimens. Ein Anfang für Authentizität, eine in sich getragene Wut, ausdruckverleihende Kraft.

[1]* Angehörige der Wächter der Islamischen Revolution im Iran, kurz: Revolutionsgarde

Sara Ehsan lebte bis zu ihrem achten Lebensjahr in Teheran. 1986 zog sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Karlsruhe, wo sie, unterbrochen von diversen Auslandsaufenthalten, bis heute lebt. Sie ist Dichterin, Autorin und Übersetzerin. 2020 erschien ihr zweiter Gedichtband „Bestimmung / Calling“ bei PalmArtPress in Berlin.

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