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Geruch der Diktatur
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Der Tintenfinger

Dima Al-Bitar Kalaji

Geruch der Diktatur Symbolbild, Lampe © Privat
© Privat

Weiße Marmorsäulen zieren die Eingangshalle des alten Einwohnermeldeamtes in Damaskus. Mit grober Hand drückten einem die Beamten den Finger in den tintengetränkten Schwamm, bis widerliche Bläschen aufstiegen, und stempelten ihn dann auf das Papier. Im nächsten Moment ließen sie die Gliedmaße los und machten eine Kopfbewegung in Richtung Tür.

Die Bürgerinnen und Bürger wurden hinausgeworfen – aus dem Büro in die Eingangshalle, wo sie sich der Spuren des „Staates“ entledigten, indem sie den Finger an einer der Säulen abwischten, die sich mit der Zeit in Griffhöhe dunkelblau einfärbten. Einige Abdrücke wollten höher hinaus und waren die Säulen hinauf in die Zementkuppel mit den kleinen, vom Rauch der Petroleumöfen verrußten Fenster geklettert.

Auf diese Weise war ich zu meinem Personalausweis gekommen. Das sind meine frühsten Erinnerungen als syrische Staatsbürgerin.

Aus dem Arabischen von Leila Chammaa

Dieser Text ist ein Auszug eines Briefes von Dima Al-Bitar Kalaji in unserem Projekt (W)Ortwechseln.

Dima Al-Bitar Kalaji lebt als freie Autorin und Journalistin in Berlin. In Damaskus hat sie Radio SouriaLi mitgeleitet. In Berlin arbeitet sie als Co-Kuratorin und Redakteurin bei WIR MACHEN DAS. Sie hat die Podcasts Syrmania für Deutschlandfunk Kultur und (W)Ortwechseln – Weiter Schreiben Briefe in Kooperation mit rbbKultur produziert und Texte unter anderem bei der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht. Sie ist Gastautorin von 10 nach 8.

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