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Geruch der Diktatur
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Ziehsohn der Diktatur

Widad Nabi

Illustration mit Füssen für Geruch der Diktatur © Arinda Crăciun

Nackt steht mein Vater vor uns. Durch die geöffnete Badezimmertür strömen Schwaden heißen Wasserdampfs und es riecht nach Lorbeerseife. Die rissige Farbe an den Wänden über seinem Kopf blättert ab. Unsere Augen, die Augen seiner vier Kinder, sind geweitet vor Überraschung und Staunen, vor Verlegenheit angesichts seines Glieds, das brüsk vor uns hängt.
Er schämt sich nicht, als unsere kleinen Augen sein intimstes Teil erblicken. Seine Angst absorbiert die Scham vor uns und unseren Spott, den Wasserdampf und die abgeblätterte Farbe. Seine Augen sind auf die Tür gerichtet, wo der Geheimdienstmann auf ihn wartet.

Er unterdrückt einen Aufschrei und Beschimpfungen, beißt die Zähne zusammen wie ein Gefolterter. Allein durch seine Miene brüllt er uns stumm an: Wie konntet ihr ihm sagen, dass ich zu Hause bin?!

Die Angst vor den Sicherheitskräften lauerte schon seit seiner Kindheit in ihm, wusste er doch zu gut, dass die Männer des Diktators einen „dorthin“ mitnehmen würden.

Mein nackter Vater im Traum war eben jenes Kind, das sich unter dem ausgebeulten kurdischen Kaftan seiner Tante versteckte, als die Polizei in unser Dorf kam, lange vor der Zeit in unserem Haus in Aleppo, das er nackt verließ.
In meinen Träumen suchen mich in unregelmäßigen Abständen zahlreiche Szenen der Angst meines Vaters heim: Als wir auf die Badtür einhämmern und ihm sagen, dass der Beamte draußen ist. Seine Feigheit, sein Zögern. Wie er nackt vor uns steht.
Jedes Mal, wenn ich während der Revolution in einer der vielen Demonstrationen meine Stimme erhob, versuchte ich die Angst meines Vaters, seine Blöße und Feigheit angesichts der Sicherheitskräfte aus meiner Erinnerung zu tilgen. Doch der Traum begleitete mich überall hin, und noch immer ereilt er mich in meinen Berliner Nächten.

Widad Nabi, geboren 1985 in Kobani in Syrien, ist eine kurdisch-syrische Autorin und Dichterin. Viele ihrer Texte wurden ins Deutsche und in andere Sprachen übersetzt. In Deutschland publizierte sie in der Berliner Zeitung, im Freitag, bei Spiegel Online, Zeit Online, Vogue und in diversen Anthologien. 2018 bekam sie das erste Weiter Schreiben-Stipendium Wiesbaden. 2019 erschien ihr erstes Buch in deutscher Sprache „Kurz vor dreißig, … küss mich“ im Sujet Verlag. 2020 war sie Stadtschreiberin in Rheinsberg.

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